BR-Jahrestagung

BR-Jahrestagung: erfolgreiche Betriebsratsarbeit

Gute Beispiele erfolgreicher Betriebsratsarbeit

Erneut großen Benefit für die Besucher*innen der BR-Jahrestagung brachten die Beispiele erfolgreicher Betriebsratsarbeit aus den Betrieben mit sich. Sie gaben wieder Impulse für die gute Umsetzung der eigenen BR-Arbeit und waren Anreiz zum gewinnbringenden Netzwerken der Betriebsräte auf der Veranstaltung und für die Zeit danach.

Die Situationen und Herausforderungen, denen sich Betriebsräte gegenübersehen und die es für die Kolleg*innen bestmöglich zu gestalten gilt, sind selten ein und dieselben. Genauso wahr ist aber auch der Fakt, dass oftmals in wichtigen Punkten Parallelen bestehen und es somit viele Möglichkeiten gibt, voneinander zu profitieren. Die drei vorgestellten Beispiele für gute Betriebsratsarbeit aus den Betrieben taten genau dies. Was alle drei Präsentationen gleichsam beinhalteten, war das strukturierte Vorgehen Stück für Stück und das regelmäßige und intensive Einbinden der Beteiligten zur Lösungsfindung.

Beispiel 1: Aha-Effekte für die Gemeinschaft

Im Fall von Alexandra Friedrich, Betriebsratsvorsitzende des Pharma- und Medizintechnik-Unternehmens B. Braun SE in Melsungen, betraf dies auch die Unternehmensführung in eher außergewöhnlichem Maß. Seit über 20 Jahren konnten bei B. Braun Standortsicherungsverträge vereinbart werden. Im Vorfeld der anstehenden Verhandlungen zu einem neuen Vertrag nahm der Betriebsrat wahr, dass es in der Belegschaft rumorte. Das Problem: Während andere Unternehmen und die Öffentlichkeit über die 4-Tage-Woche diskutierten, leisteten die Mitarbeiter*innen bei B. Braun SE beständig mehr Stunden. Für diese Mehrarbeit nahm die Bereitschaft zunehmend ab. Hinzu kamen Jobangebote auf dem Markt, die bessere Konditionen wie ein höheres Lohnniveau zusagten. Eine unruhige Gemengelage zeichnete sich ab.

Alexandra Friedrich, Betriebsratsvorsitzende B. Braun SE in Melsungen © photovision

Entsprechend reagierte der Betriebsrat. Man entwickelte ein Szenario, in dem die Mitarbeiter*innen in eine große Halle eingeladen wurden. Im Rahmen der Veranstaltung stellte die Unternehmensführung ihre Sicht auf die Dinge dar. Aufgeteilt in kleine, durch Möbelmodule optisch voneinander getrennte Gesprächsgruppen, mitmoderiert von IGBCE-Vertrauensleuten, besprachen dann die Mitarbeiter*innen bereichsübergreifend ihre Inhalte: Wen störte was, was musste ein neuer Vertrag beinhalten?

Alle Eingeladenen sollten sich einbringen und offen reden. Am Ende präsentierte jede Gruppe ihre wichtigsten Punkte. Durch die Aktion gab es bei vielen Aha-Effekte, die das Gemeinschaftsgefühl stärkten: „Wir wurden eingebunden“ und „Wir wurden gefragt“. Auch das Kennenlernen anderer Belegschaftsbereiche und der dortigen Arbeitsabläufe und Arbeitsbedingungen förderte das Verständnis füreinander. Mit dieser Aktion wurde die Stimmung im Betrieb deutlich besser und der Betriebsrat konnte das negative Grundgeräusch in der Belegschaft beruhigen. Am Ende stand ein neuer Standortsicherungsvertrag, gültig von 2026 bis Ende 2030, der unter anderem Investitionen in den Standort, Transformation mithilfe einer firmeneigenen Lernwelt und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen beinhaltet.

Beispiel 2: Höheres Lohnniveau

Andreas Pfaff, Betriebsratsvorsitzender Meguin GmbH & Co. KG Mineraloelwerke © photovision

Reduzierter, deshalb aber nicht minder arbeitsintensiv stellte sich das Beispiel aus dem Betriebsrat der Meguin GmbH & Co. KG Mineraloelwerke mit Sitz in Saarlouis dar. Betriebsratsvorsitzender Andreas Pfaff gab, unterstützt durch die Anwesenheit seines Betriebsratskollegen Jochen Theobald (der leider aufgrund einer Zahn-OP nicht sprechen konnte), die Situation der rund 380 Mitarbeiter*innen, davon rund 40 Leiharbeiter*innen, in dem zu Liqui Moly gehörenden Unternehmen wieder: ein gestiegener Automatisierungsgrad und sich verändernde Arbeitsabläufe – bei gleichzeitig ausbleibender Anpassung der Löhne. Für den Betriebsrat bedeutete dies eine riesige To-do-Liste: Arbeitsplätze mussten neu eingruppiert und entsprechend die Lohneinstufungen neu geregelt werden. Weil dies nicht für alle gleichzeitig erfolgen konnte, musste dabei beständig das Gesamtgefüge der Belegschaft beachtet werden.

Der Betriebsrat bat um die Unterstützung der IGBCE, die fortan bei den Prozessen beratend zur Seite stand. Schritt für Schritt ging man die Klärung der Schieflagen an. Mit Erfolg: Bis zum Zeitraum der BR-Tagung konnte das Lohnniveau bereits für mehr als die Hälfte der Belegschaft angehoben werden.

Beispiel 3: Frischer Wind in Betriebsrats-Wahlkampf

Kim Klaas, Betriebsrätin, und Johanna Orth, JAV-Vorsitzende, Roche Diagnostics GmbH in Mannheim © photovision

Kim Klaas, Betriebsrätin bei der Roche Diagnostics GmbH in Mannheim, und ihre Kollegin Johanna Orth, ebendort JAV-Vorsitzende, stellten ihr gutes Beispiel für eine durchdacht aufgestellte Wahlkampfkampagne für die im März 2026 stattfindenden Betriebsratswahlen vor.

Unterstützt von der IGBCE und der Agentur Elephantlogic basiert ihre intensivere Ansprache der Belegschaft auf drei zeitlich aufeinander folgenden marketingstrategischen Steps: Sommer, Herbst/Winter und Winter/Wahl. Die Zielgruppe besteht aus ca. 8.000 Mitarbeiter*innen von Roche, ein Volumen, das in den drei inhaltlichen Steps der Kampagne Beachtung findet. Erstens: Vorbereitung der Kampagne. Zweitens: Profilierung mit Entwicklung, Umsetzung und Durchführung von Aktionen. Drittens: Wahlaufruf mit einem gesunden Mix aus analoger und digitaler Ansprache, der sowohl „Bock auf Wahl“ macht als auch nachhaltige Wirkung nach dem Motto „Nach der Wahl ist vor der Wahl“ entfaltet.

Lothar Wirtz, Erschienen in Ausgabe 7 vom Navigator am XX.XX.2025
Titelbild:  © photovision