Leon Kunkel

Jugend ist nicht nur die Zukunft, Jugend ist die Gegenwart

Seit November letzten Jahres ist Leon Kunkel der Bundesjugendsekretär der fast 55.000 Frauen und Männer starken jungen Organisation der IGBCE. Die JAVis, wie die Mitglieder der Jugend- und Auszubildendenvertretung auch genannt werden, widmen sich gezielt Themen wie Zukunft und Rahmenbedingungen für junge Fachkräfte, Aus- und Weiterbildung, Förderung, Respekt, Umgang miteinander, Mitgestaltung und vielem mehr – so auch auf der JAV-Konferenz vom 3. bis 6. November 2025 in Hannover und auf der sich speziell an Gesamt- und Konzern-JAVis richtenden G&K-JAV-Konferenz vom 6. bis 7. November 2025 (siehe übernächste Seite). Wir haben mit Leon ein Interview über die Neupositionierung der IGBCE Jugend und seinen Blick auf oben genannte Themen geführt.

Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche gewerkschaftliche Jugendarbeit haben sich massiv verändert, hieß es schon im Vorfeld der diesjährigen Bundeskonferenz der IGBCE-Jugend im Sommer. Was hat sich denn massiv verändert?

Erstens ist die Welt digitaler geworden. Corona war dabei der Booster, aber nicht der Auslöser. Die Zielgruppe Jugend informiert sich täglich über soziale Medien und nutzt andere Kommunikationskanäle, als man sie früher nutzte. Das führt auch zur Verdichtung, allein beim Thema Kommunikation. E-Mails, Handy, SMS, WhatsApp, Teams, Telegramm, Instagram, TikTok, LinkedIn – das bedeutet ständige Erreichbarkeit auf einem anderen Level.

Zweitens hat sich der Diskurs verschoben. Die politische Auseinandersetzung ist rauer geworden und speziell junge Menschen vermissen in diesem Klima oftmals die Perspektive. Die Folgen machen sich bei Wahlen bemerkbar, wenn man darauf schaut, dass inzwischen über 50 Prozent der jungen Leute außerhalb der politischen Mitte wählen. Junge Menschen sind laut Umfragen eher dazu bereit, sich einzubringen, als früher, sie tun es aber an anderen Stellen als bisher.

Drittens ist alles schnelllebiger und individueller geworden, jeder ist es gewohnt, alles auf Knopfdruck bestellen zu können. Man überlegt manchmal eine halbe Stunde, ob man lieber diese Serie oder jene schaut oder welchen Streaming-Anbieter man überhaupt wählen soll. Der Erholungsurlaub ist von einem privaten Vergnügen zu einer öffentlichen Insta-Story geworden. So bekommt man immer mehr das Gefühl, dass man den jungen Menschen mehr bieten muss, um sie zu begeistern – denn die Anforderungen sind sehr hoch und doch sehr verschieden. Das gilt oft gleichermaßen für den Sprung zu den Funktionären wie auch für eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft – zum Beispiel bei den Ansprachen im Betrieb.

Was ist am neuen Leitbild der IGBCE Jugend elementar? Was sind die Ziele und wie gilt es sie umzusetzen bzw. mitzugestalten?

Wir möchten anders kommunizieren und dort präsent sein, wo sich unsere Zielgruppe aufhält. Dazu setzen wir auf Social Media, um eine stärkere und zielgruppengerechtere Präsenz aufzubauen. Gleichzeitig wollen wir zeigen, was die IGBCE zu bieten hat, um das Feld nicht Populisten und Algorithmen zu überlassen. Ebenso wollen wir die Zusammenarbeit neu gestalten.

Gewerkschaftsarbeit geht nur zusammen! Aber wir müssen der Geschwindigkeit und den individuellen Ansprüchen gerecht werden. Wenn jemand Lust hat, ein Thema voranzubringen, aber keine Zeit hat, dafür vier Jahre in ein Gremium gewählt zu werden, müssen wir eine Plattform schaffen, auf der sich junge Menschen empowern können. Wir müssen genauer hinschauen, wer welche Stärken und Interessen hat, und sie klar in unsere Arbeit einbinden. Das schafft Selbstwirksamkeit und ein neues, modernes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Wir wollen andere inhaltliche Schwerpunkte setzen. Jugend ist nicht die Zukunft. Jugend ist die Gegenwart. Die jetzige Generation ist mit einer undurchsichtigen Arbeitsmarktsituation konfrontiert. Die jetzige Generation wird die Folgen und die Chancen von Künstlicher Intelligenz zu spüren bekommen. Und die jetzige Generation schaut auf eine besorgniserregende Zeit mit unklarem Rentenniveau. Natürlich ist Ausbildung immer das Thema der Jugend. Aber bei den Themen der Gegenwart geht es um Generationengerechtigkeit für uns!

Wieso ist es heute für junge Menschen wichtig, Engagement zu zeigen und sich zu organisieren?

Wenn wir nicht jetzt den Turbo zünden, wann sollen wir es dann tun? Parteien, die versuchen, unser demokratisches System zu destabilisieren, halten sich auf einem hohen Niveau bei allen deutschen und europäischen Wahlen. Welche Folgen das für jeden Einzelnen hat, sieht man gerade in den USA. Nur durch einen starken Industriestandort Deutschland kann es Stabilität in wechselhaften Zeiten geben. Denn die Industrie ist immer noch eine wichtige Säule der Gesellschaft. Doch nur mit einer erfolgreichen Transformation kann es uns gelingen, nachhaltig und zukunftsgerichtet aufgestellt zu sein.

Für eine Transformation braucht man vor allem Menschen, die mitanfassen und mittragen – doch die Einstellungszahlen in der Ausbildung gehen nach unten. Das können wir so nicht stehen lassen. Hier geht es um unsere Zukunft und hierfür braucht es starke Gewerkschaften. Die demografische Situation plus mehr Gegenwind bei Arbeitsplätzen in der Industrie und in der Ausbildung zeigen auf, dass wir uns noch mehr bemühen müssen, um junge Menschen von unserer Sache zu überzeugen.

Wie begegnest du Aussagen wie „Da kann ich eh nichts dran ändern, also ist es mir egal“?

Wenn man denkt, dass man nichts ändern kann, kann man auch nichts ändern. Die zukünftige Realität beginnt in den eigenen Gedanken. Das gilt für jede Denkrichtung, für die persönlichen und kollektiven Ziele jedes Menschen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch: Wenn es mir nicht egal ist, kann ich es ändern!

Junge Leute haben es nicht leicht. Es herrschen Ungewissheit und Unsicherheit: Wirtschaftsflaute, soziale Ungerechtigkeit, Wohnungsknappheit, rasante Kostensteigerungen, leistbare und funktionierende Mobilität, demografischer Wandel, Gesundheitsversorgung, Rente und, und, und. Kannst du es jungen Leuten verübeln, wenn sie nur auf sich schauen?

Ich glaube nicht, dass alle jungen Menschen nur auf sich schauen. Wir haben so viele junge und engagierte Kolleg*innen, die in ihren Betrieben und in ihrem Umfeld wirklich etwas bewegen. Dennoch kann ich es verstehen, wenn Menschen selbst von sozialer Ungerechtigkeit betroffen sind, sie keine bezahlbare Wohnung finden, durch Inflation das Geld für den Führerschein fehlt – wenn es denn überhaupt noch einen Fahrlehrer in der Nähe gibt – oder sie 30 Kilometer zum nächsten Hausarzt fahren müssen.

Wenn dann noch Angst vor einer Übernahme des Betriebs, in dem man arbeitet, besteht oder fehlende Perspektiven auf einen Ausbildungsplatz hinzukommen, plus der Ausblick auf die eigene Rente und jeden Tag Krieg in der Tagesschau …, dann verstehe ich, dass massiv Betroffene erst einmal auf sich selbst schauen müssen.

Wir erleben heute das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung der Bildung. Fachkräfte machen sich rar und gefühlt ebenso der gesunde Menschenverstand. Wie siehst du in dieser Gemengelage die Zukunft der IGBCE Jugend?

Ich würde schon sagen, dass wir die richtigen Stellschrauben erkannt und in unserem Leitbild gesetzt haben. Jetzt muss es uns natürlich gelingen, die PS auf die Straße zu bringen. Dafür braucht es Durchsetzungskraft und die Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten, denn Veränderung und Tempowechsel kommen nicht immer bei allen gut an. Diese müssen aber auch von uns als Jugend kommen. Das gilt aber nicht nur für die IGBCE Jugend, sondern für die jungen Menschen insgesamt. Da müssen wir genau hinschauen, mit wem wir auch mehr zusammenarbeiten können und müssen.

Warum sollten junge Arbeitnehmer*innen an den JAV-Konferenzen teilnehmen?

Die JAV-Konferenzen sind nicht einfach nur ein Pflichttermin im Kalender, sie sind ein Energiezentrum für neue Perspektiven, Austausch und Aufbruch. Gerade weil sich die Rahmenbedingungen so stark verändert haben: Von Digitalisierung über gesellschaftliche Polarisierung bis hin zum Fachkräftemangel und zu Zukunftsängsten brauchen wir Räume, in denen junge Menschen ihre Themen laut machen, sich gegenseitig stärken und echte Wirkung entfalten können.

Hier entsteht genau das, worüber wir sprechen: Empowerment, Vernetzung, Mitgestaltung. Wer sich fragt, ob man etwas verändern kann, bekommt auf den JAV-Konferenzen Antworten, Ideen und vor allem das Gefühl: Ich bin nicht allein. Wir diskutieren nicht nur, wir machen Vorschläge, vernetzen uns und gehen mit neuen Tools und Sichtweisen sowie neuer Motivation zurück in die Betriebe.

Was sind deine persönlichen Ziele als Bundesjugendsekretär?

Wenn wir das schaffen, was wir uns mit dem Leitbild selbst als Aufgabe gesetzt haben, dann können wir stolz auf unsere Arbeit sein! Am Anfang habe ich mal gesagt: „Ich möchte es schaffen, dass wieder mehr junge Menschen in Haupt- und Ehrenamt Bock auf die IGBCE Jugend haben.“ Da steckt eine Menge dahinter. Doch wir haben die richtigen Schlüsse gezogen. Wenn uns all das gelungen ist, werden wir noch sichtbarer in industriepolitischen Themen sein und in der gesamten Wahrnehmung.

Leon, vielen Dank für deine Antworten! Bei Anliegen und Fragen zur JAV-Konferenz, zur G&K-JAV-Konferenz und zu anderen Themen, die euch betreffen, kontaktiert Leon Kunkel über leon.kunkel@igbce.de.

Wenn ihr Lust habt, bei der JAV-Konferenz dabei zu sein und die Zukunft aktiv mitzugestalten, findet ihr alle weiteren Informationen, das Programm und die Anmeldung auf unserer Website. Schaut vorbei, vernetzt euch und nutzt die Chance, gemeinsam mit vielen anderen jungen Engagierten Impulse zu setzen!

Seminartipp

JAV-Konferenz
→ 03.11.–06.11.2025 • Hannover • BWS-025-092201-25