BR-Jahrestagung

BR-Jahrestagung: Gespräch mit Michael Vassiliadis

Kollektiv nach vorne gehen, konkret handeln – und zwar jetzt!

© Stefan Koch

Am zweiten Tag der BR-Jahrestagung kam der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis in seiner Rede auf Betriebstemperatur. Er rief die Stärke der IGBCE in Erinnerung, ging über zur Gefahr durch designte Realitäten made in USA, holte aus gegen Unternehmen, die dem Druck der Märkte zu wenig entgegensetzen, und entlarvte die sich zuspitzende Vermögensverteilung in Deutschland als Angriff auf den Sozialstaat sowie die fehlgeleitete Politik, die auf das Erstarken der Rechten nur mit real verzerrten Erklärungen aufwartet.

Die IGBCE arbeitet mit Nachdruck an Zukunftsperspektiven, zeigte sich Vassiliadis kämpferisch: „Die Situation ist nicht statisch, es lohnt sich, immer offen zu bleiben, sachlich Antworten zu suchen, sich kollektiv zu einigen und nach vorne zu gehen.“ Wie, das sagte er uns unter anderem in unserem Gespräch.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: In Sommer bist du kreuz und quer durch die Republik in die Betriebe zu den Arbeitnehmer*innen gereist. Was hat der direkte Kontakt zu den Kolleg*innen gezeigt?

Michael Vassiliadis: In allen Betrieben haben sich die Gespräche immer wieder auf die gleichen Themen fokussiert: hohe Energiepreise und Infrastruktur, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit, die vielen offenen Fragen der Transformation oder globale Handelskonflikte. Die Sorge der Beschäftigten ist groß, dass Politik und Unternehmen an diesen zentralen Herausforderungen scheitern könnten. Gleichzeitig aber ist das Vertrauen in die Gewerkschaften ungebrochen: Wir übernehmen in schwierigen Zeiten glaubhaft Verantwortung und entwickeln tragfähige Konzepte, um die Transformation im Sinne der Menschen zu gestalten.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Das Produktionsniveau ist massiv gesunken, Beschäftigte verlieren ihre Jobs, Unternehmen treten aus der Tarifbindung aus, die Energiekosten bleiben hoch, die Schere zwischen „superreich“ und „normalvermögend“ wächst rasant, die Wut in der Gesellschaft auch. Wie geht es dir damit?

Michael Vassiliadis: Was wir gerade erleben, ist beispiellos: In den Branchen der IGBCE gehen auf breiter Front Arbeitsplätze verloren. Wenn das so weitergeht, brechen uns ganze Wertschöpfungsketten weg. Das kann und darf nicht sein. 28.000 Arbeitsplätze in rund 260 Betrieben sollen wegfallen, in weiteren 70 Betrieben sind 12.000 Beschäftigte auf Kurzarbeit gesetzt. 40.000 Arbeitsplätze stehen im Feuer. Meist bedeutet das nicht, dass die vom Abbau betroffenen Kolleg*innen in die Arbeitslosigkeit rutschen. Wir organisieren das sozialverträglich, niemand fällt ins Bergfreie. Aber Tatsache ist auch: Die Wertschöpfung, die hinter den abgebauten Arbeitsplätzen steht, ist ein für alle Mal weg. Das wird Auswirkungen auf unseren Wohlstand haben. Das sorgt mich zutiefst.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Die Bundesregierung ist mit einem Rekordvermögen ausgestattet und kommt trotzdem nicht in die Gänge. Wie kann das sein?

Michael Vassiliadis: Die Bundesregierung ist sich der Herausforderungen durchaus bewusst. Das zeigt ihr klarer Fokus auf Investitionen und Investitionsförderung. Aber sie muss endlich aufhören, sich auf Nebenkriegsschauplätzen zu verzetteln, und sich dem Hauptschauplatz zuwenden: dem Erhalt des Industriestandorts Deutschland. Für den müssen endlich die Rahmenbedingungen stimmen. Unsere Stromkosten liegen beispielsweise noch immer beim Doppelten des internationalen Niveaus.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Warum lohnt es sich für Unternehmen und Betriebe, in deutsche Arbeitsplätze und Standorte zu investieren?

Michael Vassiliadis: Unsere Fachkräfte, unsere Mitbestimmung und unsere Innovationskraft machen den Standort stark – wirtschaftlich und gesellschaftlich. Auf meiner Sommerreise durch die Betriebe habe ich viele positive Beispiele gesehen, die zeigen, wie Zukunft gelingt. Bei etlichen großen und kleinen erfolgreichen Unternehmen überall im Land wird deutlich: Wenn Investitionen, Mitbestimmung und Innovationskraft aufeinandertreffen, entsteht echte Perspektive. Dann ist „made in Germany“ nach wie vor ein echtes Pfund.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Im März starten wieder die BR-Wahlen. Wieso soll man sich zur Wahl stellen und warum brauchen wir gerade jetzt starke Betriebsrät*innen?

Michael Vassiliadis: Alles, was uns in Deutschland in der Vergangenheit stark gemacht hat, steht unter Druck. In einer Welt voller Krisen, die von globaler Unordnung, von Handelskonflikten und von Kriegen geprägt ist, bleibt die Arbeitswelt natürlich nicht verschont. Umso wichtiger ist es, dass die Beschäftigten sich auf ihre demokratisch gewählten Vertreterinnen verlassen können. Betriebsrätinnen müssen daher mit voller Konzentration auf dem Platz sein, um aktiv Zukunft zu gestalten – auch für die kommenden Generationen.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Blicken wir Ende 2026 auf heute zurück, atmen wir erleichtert durch und sind stolz auf den geschafften Turnaround und die gestärkte Demokratie. Ein Märchen?

Michael Vassiliadis: Ich bin optimistisch, dass es uns noch gelingen kann, vieles zum Guten zu drehen. Entscheidend ist aber, endlich konkret zu handeln. Und zwar jetzt.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Vielen Dank!

Lothar Wirtz, Erschienen in Ausgabe 7 vom Navigator am XX.XX.2025
Titelbild:  © Stefan Koch