Jetzt noch Wahlbeteiligung erhöhen und erfolgreiche BR-Arbeit vermitteln
Auch rund 100 Tage vor der Wahl lassen sich wertvolle Instrumente für ein erfolgreiches Ergebnis aktivieren. Welche das sind und wie sie sich bestenfalls einsetzen lassen, erklärten Svenja Hinrichs von der Agentur Elephantlogic und Stefan Leinberger aus der Abteilung Betriebspolitik der IGBCE in der Arbeitsgruppe „Wahlbeteiligung erhöhen?! Wie kann ich in den letzten 100 Tagen noch aktivieren? Erfolgreiche BR-Arbeit richtig vermarkten“, bei der BR-Jahrestagung.

Hauptaugenmerk liegt generell auf der Erzielung einer höchstmöglichen Wahlbeteiligung. „Gesamtpolitisch betrachtet, das ist auch bei Bundestagswahlen, Landtagswahlen oder Kommunalwahlen nicht anders“, erklärte Stefan Leinberger, „ist die Wahlbeteiligung immer Legitimation für die Gewählten. Im Endeffekt ist sie die Grundlage für eine erfolgreiche Betriebsratsarbeit in den nächsten vier Jahren. Wird man mit einer hohen Wahlbeteiligung gewählt, geht man später mit mehr Rückendeckung und einer ganz anderen Mentalität und Wirkungsmacht in die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber.
Das heißt: Jede*r, der sich aufstellen lässt, sollte auch dafür sorgen, dass möglichst viele zur Wahl gehen.“ Ein grundlegender Fakt, der auch die Bedeutung gelebter Demokratie im Betrieb ausmacht. „Wenn die große Mehrheit der Betriebstätigen hinter dem Betriebsrat steht, ist das auch Zeichen der Belegschaft für gelebte Demokratie im Betrieb. Je höher die Wahlbeteiligung und die Zahl der Wählerstimmen, desto größer ist die Power, mit der die Gewählten in ihre vierjährige Amtszeit gehen.“
Optimierungspotenzial Kanäle
Das bedeutet für erfolgreiche Kandidat*innen, dass sie auch bei positiven Prognosen nicht lockerlassen und Optionen erkennen, mit einem guten Wahlergebnis den Weg für ihre erfolgreiche Betriebsratsarbeit noch besser zu ebnen. Die richtige Ansprache ist hier ein entscheidender Faktor, der lohnenswert ist. „Man sollte sich fragen, ob man alle Kanäle richtig genutzt hat. In vielen Betrieben gibt es mobiles Arbeiten und ein Teil der Belegschaft ist nicht mehr täglich im Büro. Diese Kolleg*innen erreicht man mit einem Aushang am Schwarzen Brett nicht und die wissen dann unter Umständen gar nicht, dass am 30. März Wahlen sind. Die muss man anders ansprechen, mit anderen Methoden, anderen Kanälen. Welche das sind, gilt es im Betrieb zu klären. Nämlich die Fragen: Wer arbeitet eigentlich wo? Und wo ist meine Zielgruppe? Dazu kann man in die Beschäftigtenstrukturen der Arbeitgeber schauen. Die Zielgruppe muss man dann auf die Wahl hinweisen – und das nicht nur einmal, sondern so oft wie möglich. Das ist zeitlicher und bürokratischer Aufwand, aber eben sehr wichtig. Vernachlässigt man das, sendet man all seine Botschaften und Wahlaufrufe vergeblich.“
Erfolgreiche Ansprache
Seine Zielgruppe und ihre Arbeitszeiten und -plätze zu kennen, ist ein zentraler Baustein im Rahmen eines erfolgreichen Wahlkampfs. „Kolleg*innen in der Produktion spricht man am besten direkt persönlich an. Hier sind auch Plakate und Infos am Schwarzen Brett sinnvoll. Im Gegensatz zu E-Mails oder Videos, die erreichen eher Mitarbeiter*innen im Homeoffice und in den Büros. Die nehmen täglich wahr, was gesendet wird. In der Produktion bleibt in der Regel keine Zeit, um mal eben E-Mails abzurufen und auf Social Media zu schauen, was der Betriebsrat gepostet hat.“ Auf den passenden Kanälen gilt es, die Wahl und den Termin zu penetrieren, zum Beispiel mit Countdown-Motiven sowie mit Rundgängen in den Betrieben und der Frage, ob die Kolleg*innen zur Wahl gehen. So bleibt das Ereignis präsent.
Betroffenheit herstellen
Der werbliche Begriff „Betroffenheit“ ist hier nicht im Kontext von Bestürzung zu verstehen, sondern vielmehr in der ursprünglichen Form von „Betroffensein“. Was vielen Mitarbeiter*innen nämlich nicht bewusst zu sein scheint, ist der direkte Bezug zwischen sich selbst und dem Ausgang einer Betriebsratswahl. Dieser ist deutlich ausgeprägter als zum Beispiel bei Bundestags-, Landtags- oder Kommunalwahlen: Die Auswirkungen auf den eigenen Arbeitsplatz und das eigene Leben sind unmittelbar spürbar. Ein guter Grund also, wählen zu gehen und diejenigen zu wählen, die sich am besten auskennen und die Rückendeckung einer erfahrenen und breit aufgestellten Gewerkschaft wie der IGBCE hinter sich wissen. Dieses „Betroffensein“ eines*einer jeden Beschäftigten im Betrieb gilt es für die BR-Wahlkämpfer herzustellen und argumentativ zu untermauern. Es geht darum, bei der potenziellen Wählerschaft ein Gespür für die Bedeutung ihrer Stimmen herzustellen, und um die Botschaft: „Es betrifft mich.“
Gas geben auf der Zielgeraden
Persönliche Gespräche sind dabei, im wahrsten Sinne des Wortes, das beste Mittel der Wahl. Natürlich nehmen sie Zeit in Anspruch und von der hat man im Finale zur BR-Wahl noch weniger als sonst. Zeit lässt sich aber einsparen, indem man im Team arbeitet. Gerade für Neulinge unter den Kandidat*innen ist der Austausch mit erfahrenen Betriebsrät*innen ein Gewinn – oder natürlich der Kontakt zur IGBCE. Agiert man solo im Wahlkampf, hilft es in den letzten 100 Tagen vor der Wahl auch, seine Aktionen und Abläufe in zeitlichen Steps zu planen. „Einen Kommunikationsplan aufzustellen, ist keine leichte Aufgabe“, sagt Stefan Leinberger, „aber mit unserer Unterstützung für die Kandidat*innen gut machbar. Wir stellen Vorlagen, Leitfäden und Broschüren zur Verfügung, sogar Excel-Templates sind bei uns abrufbereit, ebenso wie Zielgruppenmatrizen. Nicht jeder Betriebsrat muss im Wahlkampf die Welt neu erfinden. Aber eine Grundstrategie sollte es geben, und dabei helfen wir den Kandidat*innen.“
Lothar Wirtz, Erschienen in Ausgabe 7 vom Navigator am XX.XX.2025
Titelbild: © photovision



