Für eine optimistische, vielfältige und freie Zukunft

Die Meinungsdynamiken in den Betrieben unterscheiden sich nicht von denen in der Gesellschaft; Diskriminierung, Mobbing, Ausgrenzung und Erniedrigungen drohen salonfähig zu werden, während Demokratie und Vielfalt verstärkt abgelehnt werden. Dabei sind die Werte eines demokratischen Miteinanders Garant für Frieden, Wohlstand und Entwicklung. Der Workshop „European Dream – Vermittlung demokratischer Werte im Betrieb“ von Sebastian Ramnitz vermittelte im Rahmen der BR-Jahrestagung genau das.
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Warum ist dieser Workshop notwendig?
Sebastian Ramnitz: In den letzten Jahren hat sich die Anzahl globaler Krisen deutlich erhöht, was Unsicherheiten verstärkt und die Menschen dazu bringt, sich andere Formen der Sicherheit zu suchen. Rechtsextreme Akteure, seien es Einzelpersonen wie Trump oder auch Parteien wie die AfD, versuchen, Ängste und Unsicherheiten zu verstärken, um autoritäre Strukturen – vom harten Führer bis zu harten Grenzen, traditionellen Rollenbildern oder auch dem Kampf gegen transformelle Zukunft – weiter auszubauen und Demokratien abzuwickeln. Auch in den Betrieben merken wir seit einigen Jahren, dass rechte Kräfte versuchen, Betriebe und Betriebsräte zu entpolitisieren, um im Anschluss die eigene rechte Agenda nach und nach in die Belegschaft zu tragen. Rechte Arbeitnehmervertretungen wie „Zentrum“ gewinnen in den letzten Jahren starken Zulauf und gehen ganz offen damit um, dass eines der großen Ziele die Industriekonzerne sind. Aus diesem Grund gilt es sich zu wappnen, und genau darum geht es in diesem Workshop.
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Welche Situationen und Probleme aus den Betrieben begegnen dir?
Sebastian Ramnitz: Auf jeden Fall vielschichtige. Von Chatgruppen, in denen rassistische, sexistische, homophobe und andere diskriminierende Sprüche oder Bilder geschickt werden, über Aussagen in Pausenräumen, Kantinen und am Arbeitsplatz bis hin zu Hakenkreuz-Schmierereien auf Toiletten. Mitarbeiter*innen tragen rechte Szenekleidung und es gibt direkte Wahlwerbung für rechtsextreme Parteien. Auch Betriebsräte, bei denen einzelne Mitglieder antidemokratische Positionen vertreten, werden mehr und mehr zur Herausforderung. Hinzu kommt, dass Unternehmen ihre Leitbilder, Wertekodexe, Compliance-Richtlinien und Co. nicht selten von professionellen Agenturen schreiben lassen, ohne dass sie sich damit befassen, ob und wie sie diese schön aufgeschriebenen Werte und Haltungen in die Köpfe ihrer Belegschaft bekommen. Per Rundbrief geht das nicht.
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Inwiefern haben Belegschaften verstanden, dass man für Demokratie und ihre Werte in den Betrieben einstehen sollte?
Sebastian Ramnitz: Das ist von Betrieb zu Betrieb, teilweise auch von Abteilung zu Abteilung und von Team zu Team unterschiedlich. Es braucht engagierte Menschen, die demokratische Werte hochhalten und keine wertefreien Räume zulassen, die dann im schlechtesten Fall von antidemokratischen Positionen besetzt werden. Jeder möchte doch einen Arbeitsplatz, zu dem man gerne geht, an dem man sich wohlfühlt, frei von Diskriminierung, Abwertung, Mobbing etc. Dass alle im Miteinander die Verantwortung dafür tragen, dies zu gestalten, wird nicht immer gesehen. Anstatt gemeinsam zu schauen, wie der Umgang im Miteinander besser werden kann, wird aus Angst oft geschwiegen. Man will ja nachher nicht als Nestbeschmutzer gelten oder, wenn das Thema nach oben gegeben wird, Konsequenzen ausgesetzt sein. Betriebe sind oft ungeübt im Umgang mit derlei Konflikten und unsicher in ihrer Haltung. Es braucht somit Leitungen, die nicht nur leiten, sondern auch in Bezug auf eine Menschenrechtsorientierung gutes Beispiel sind und Position beziehen. Es braucht eine Kultur in der Belegschaft, in der demokratische Werte spürbar und erlebbar sind, damit Angriffe dagegen sofort thematisiert werden, um Normalisierung und Übernahme der Felder zu vermeiden.
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Welche Inhalte und Tools vermittelst du den Teilnehmer*innen?
Sebastian Ramnitz: Zum Beispiel, dass „extreme“ Äußerungen nicht ausgehalten werden müssen. „Extrem“ steht in diesem Kontext immer für die Billigung von Gewalt, im Gegensatz zu radikalen Positionen, die – egal ob rechte oder linke – Gewalt ablehnen. Unter diesen Voraussetzungen kann demokratischer Diskurs geführt werden. Eine Demokratie, die keine radikalen Ideen zulässt, kann sich nicht weiterentwickeln. Das Problem ist: Meinungsfreiheit wird falsch verstanden. In unserem Grundgesetz sind die Artikel 1 und 20 im besonderen Maße geschützt und stehen über allen anderen, was in Artikel 79, Absatz 3 in der „Ewigkeitsklausel“ nachlesbar ist. Wer sich somit auf Artikel 5 zur Meinungsfreiheit beruft, kann dies nur tun, wenn er*sie dadurch nicht Artikel 1 oder 20 verletzt. Somit sind Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus etc. ebenso wie die Leugnung des Holocaust nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Alles andere darf gesagt werden, aber: Es darf auch widersprochen werden!
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Was würdest du dir von der Mitte der Gesellschaft wünschen?
Sebastian Ramnitz: Ich würde mir wünschen, dass wir es als Gesellschaft schaffen, nicht auf die rechten Angstmacher und Hetzer hereinzufallen – auch wenn die gerade durch die Herausforderungen der Zeit im Aufwind sind. Deutschland ist nicht durch autoritäre Systeme ein wohlhabendes Land geworden. Autoritäre Systeme haben Deutschland in den Abgrund gestürzt. Ein gesellschaftliches Klima wie in den USA möchte ich nicht bei uns haben, auch nicht das aus Ungarn. Ich wünsche mir, dass wir mutiger werden, wenn es darum geht, für Demokratie einzustehen, und wir für uns eine optimistische, vielfältige und freie Zukunft miteinander gestalten.
Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Vielen Dank!
Lothar Wirtz, Erschienen in Ausgabe 7 vom Navigator am XX.XX.2025
Titelbild: © photovision




