BR-Jahrestagung: Im Gespräch mit Francesco Grioli

Demokratie und Transformation gelingen nur mit den Belegschaften

BR-Jahrestagung
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Demokratie macht am Werkstor nicht halt, sie lebt vom Mitmachen und vom Wollen. Das sagt Francesco Grioli, Mitglied im gesamtführenden Hauptvorstand der IGBCE. Beeinflusst von Künstlicher Intelligenz, Transformation und vielen Sorgen gerät die Demokratie unter Druck – und diesem gilt es standzuhalten. Ein Gespräch.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Drängen die Rechten auch in die Betriebe?

Francesco Grioli: Was draußen passiert, strahlt natürlich auch in die Betriebe hinein. Die extremen Ränder werden stärker. Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – mit rechts sympathisieren, arbeiten auch in unseren Betrieben. Wir erwarten, dass dies auch vermehrt zu rechten Listen bei den Betriebsratswahlen führen wird. Sie stellen uns dann so hin, als ob wir nichts mehr erreichen würden. Zugleich geben sie sehr, sehr einfache Antworten zu komplexen Themen, die so nicht umsetzbar sind.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Was kann man dagegen tun?

Francesco Grioli: Wir bereiten uns darauf vor, dass solche Dinge verstärkt auftreten. Diejenigen, die jetzt mit rechten Listen versuchen, in die Betriebsräte hereinzukommen, werden nicht einfach verschwinden. Sie werden versuchen, die Demokratie auch im Betrieb auszuhebeln. Aber da werden wir keinen Millimeter weichen.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Wie soll das gehen?

Francesco Grioli: Zunächst einmal halten wir fest, dass der Glaube, eine Organisation mit über 550.000 Mitgliedern wie die IGBCE habe keine AfD-freundlichen Mitglieder, naiv wäre. Deshalb möchte ich eine Sache deutlich sagen: Nicht alle sind rechtsradikal, bei vielen ist es der Frust, die Sorgen oder die Zukunftsangst. Aber diejenigen, die hetzen und sich rechtsradikal äußern, haben im Betrieb nichts zu suchen. Da zeigen wir klare Kante.

Dem Ganzen generell den Nährboden zu nehmen, funktioniert aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger von der Kanzel herab. Da müssen wir alle – und da nehme ich mich nicht aus – dazulernen. Wenn ich auf einer Betriebsversammlung etwas zu dem Thema Demokratie sagen will und ein Kollege ruft, ich soll damit aufhören und lieber ordentliche Tarifrunden verhandeln, dann ist mein Impuls, dass ich mir den Zwischenrufer am Mikrofon vornehme – aber das ist genau die falsche Strategie. Das sorgt eher dafür, dass sich andere mit dem Zwischenrufer solidarisieren.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Wie geht man besser damit um?

Francesco Grioli: Das Beste ist und bleibt das persönliche Gespräch. Unsere gewählten Betriebsrät*innen in den Unternehmen haben einen Vertrauensbonus im Rücken und mit dem lässt es sich gut agieren. Man kann sich mit den AfD-freundlichen Kolleg*innen hinsetzen und mal schauen, was diese Partei bei Arbeits- und Sozialthemen in ihrem Programm stehen hat. Was würde geschehen, wenn die rechtspopulistische Partei an der Regierung wäre? Was passiert denn dann mit deiner Rente? Was bedeutet es für dein Einkommen und deinen Arbeitsplatz, wenn wir die Europäische Union und den internationalen Handel aufgeben würden? Unsere Unternehmen exportieren in weit über 100 Länder weltweit. Wir würden auf den Märkten nicht mehr stattfinden. Unsere Unternehmen und die Arbeitsplätze würden verschwinden.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: So leicht lassen sich Sympathisanten überzeugen?

Francesco Grioli: Das allumfassende Rezept haben wir noch nicht gefunden, das wird es auch nicht geben. Wir müssen an vielen Stellschrauben drehen. Ich glaube, dass wir die richtigen Antworten haben, um diesem Populismus wirklich etwas entgegenzusetzen. Dabei dürfen wir den Rechten auch nicht die Welt von TikTok, Instagram und Co. überlassen. Jetzt kann man natürlich fragen, ob die sozialen Medien die geeignetste Form sind, um gewerkschaftliche Positionen zu vertreten. Diese Frage erübrigt sich, denn dort nicht präsent zu sein und ein Vakuum zu hinterlassen, geht sicher nicht.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Welche Fragen drücken die Belegschaften?

Francesco Grioli: Viele Unternehmen befinden sich in der Transformation. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden, der Einzug von Künstlicher Intelligenz bereitet vielen Sorge und sie fühlen sich überfordert. Sie fragen sich: Wie sieht meine Zukunft aus? Bleibt mein Unternehmen am Standort? Was wird aus meinem Arbeitsplatz? Gibt es eine Strategie? Das sind nur ein paar wenige Fragen, die die Arbeitnehmer*innen umtreiben. Darauf müssen wir Antworten geben, und das tun wir.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Wie sollen diese Antworten aussehen?

Francesco Grioli: Nehmen wir die KI. Da geht es um echte Partizipation für die Belegschaften und darum, ihnen die Sorgen und Ängste zu nehmen. Die bestehen verständlicherweise, obwohl wir hier in Deutschland die innovationsstärksten Beschäftigten haben, die man sich auf dem Planeten vorstellen kann. Das sage ich ohne Überheblichkeit. Das heißt aber auch, dass wir stets von der nächsten Innovation und Entwicklung abhängig sind. Billiger machen können es andere im Wettbewerb. KI bietet Chancen für neue Entwicklungen, vor allem wenn man bei ihrem Einsatz den Arbeitnehmer*innen ein sicheres Fundament vermittelt, nämlich per Mitbestimmung. Gleichzeitig darf es auch nicht sein, dass alles, wo KI draufsteht, aus Angst blockiert wird. Es geht darum, Lust zu entfachen, ein Teil der Veränderung zu sein und sie zu managen. Wenn man das Kaninchen vor der Schlange ist, ist das der schlechteste Nährboden für das Gelingen einer Transformation. Kluge Unternehmen wissen das und stellen sich in diese Richtung mit Mitbestimmung, Partizipation, kollektiven Regelungen und Vereinbarungen gut auf.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Was sind die Vorteile dieser Instrumente?

Francesco Grioli: Wir sind eine Organisation mit Betriebsräten, die auch eine Instanz in puncto Schutz und Sicherheit sind. Ihre frühzeitige Einbindung bei unternehmerischen Veränderungen ist ausgesprochen wichtig. Sie schauen, wie sich Neuerungen auf die Abläufe auswirken und was sie für die Beschäftigten bedeuten. Das klappt mit Mitbestimmung deutlich effektiver und sozial gerechter. Die Unternehmen, die das verstehen, binden die Beschäftigten frühzeitig ein und qualifizieren ihre Mitarbeiter*innen rechtzeitig – so fühlen sie sich mitgenommen und sicherer. Diese Unternehmen fragen ihre Belegschaft, was sie braucht, um zu den besten Ergebnissen zu kommen. Das geht mit Mitbestimmung immer besser als ohne.

Lothar Wirtz im Auftrag der BWS: Vielen Dank!

Lothar Wirtz, Erschienen in Ausgabe 7 vom Navigator am XX.XX.2025
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