„So war das doch gar nicht gemeint!“ – Warum wir über Geschlechterkommunikation reden müssen
Kommunikation ist mehr als nur Austausch – sie ist Macht. Sprechende bestimmen. Unterbrechende dominieren. Gehört zu werden bedeutet zu gewinnen. Doch Kommunikation funktioniert nicht geschlechtsneutral. Zwischen Männern und Frauen – und darüber hinaus – gibt es feine, aber wirkmächtige Unterschiede beim Sprechen, Hören und Durchsetzen.
Über geschlechtsspezifische Kommunikation zu sprechen, bedeutet auch, kulturelle, historische und gesellschaftliche Zusammenhänge mitzudenken. Das ist besonders heute relevant, in einer Zeit, in der Gendern mehr ist als eine Sprachregelung, nämlich Teil einer größeren Kulturdebatte.
Im Arbeitsleben wird jedoch oft so getan, als gäbe es keine Unterschiede zwischen dem Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen. Doch aktuelle Forschungen zeigen: Männer und Frauen weisen teils unterschiedliche Stärken, Verhaltensmuster und Präferenzen auf, die sich zum Teil sogar biologisch erklären lassen.
Diese Unterschiede zeigen sich besonders deutlich in der Kommunikation. Eine der markantesten Differenzen sind die verschiedenen Zielsetzungen. Die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen unterscheidet zwei grundlegende Ausrichtungen:
• Weibliche Kommunikation dient vor allem dem Aufbau und der Pflege von Beziehungen – es ist eine Beziehungssprache.
• Männliche Kommunikation hingegen verfolgt in erster Linie das Ziel der Informationsvermittlung und Positionierung – es handelt sich um eine Berichtssprache.
Diese verschiedenen kommunikativen Ziele beeinflussen, wie wir diskutieren, argumentieren und reagieren. Während männlich geprägte Sprecher in Meetings eher auf Eindeutigkeit, Durchsetzungskraft und Fakten setzen, sind weiblich geprägte Kommunikationsstile stärker prozessorientiert, offen für Entwicklungen und von Zwischentönen geprägt.
Ein einfaches Beispiel: Wenn in einer Besprechung die Frage „Wie kommen Sie darauf?“ gestellt wird, kann dieselbe Formulierung völlig unterschiedlich wirken – je nachdem, ob jemand in der Beziehungs- oder in der Berichtssprache kommuniziert. Die einen begreifen sie als Einladung zum Weiterdenken, die anderen als Angriff auf ihre fachliche Autorität. Die Beziehungssprache ist dabei oft weicher und nuancierter, sie verwendet Konjunktive und lädt zum Mitdenken ein. Die Berichtssprache ist hingegen klar, zielgerichtet und auf Ergebnisse fokussiert.
Kommunikation ist kein geschlechtsneutraler Raum, sondern wird von Prägungen, Erwartungen, Machtstrukturen und Missverständnissen beeinflusst. Wer diese Unterschiede erkennt, statt sie zu ignorieren, kann Missverständnisse vermeiden und die Zusammenarbeit produktiver gestalten.
Die zentrale Frage lautet: Wie können wir Kommunikationsunterschiede als Bereicherung und nicht als Trennung begreifen? Wie können wir voneinander lernen, ohne in stereotype Zuschreibungen zu verfallen? Und was bedeutet das ganz konkret für den beruflichen Alltag – vor allem in gemischten Teams oder Führungspositionen? Um mehr darüber zu erfahren, haben wir mit Petra Kastenholz gesprochen. Sie ist Expertin für Geschlechterkommunikation.
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Kristin Kühn, Erschienen in Ausgabe 6 vom Navigator am 18.08.2025
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